Vom Ferkel zum Mastschwein

in Landwirtschaft

Kaum ein Bereich der Landwirtschaft hat in den vergangenen 25 Jahren eine so hohe Spezialisierung erfahren wie die Schweineerzeugung: In speziellen Zuchtbetrieben werden Jungsauen und Eber gezüchtet, die Sauenhalter erzeugen Ferkel und die Mastbetriebe schließlich mästen die Ferkel bis zur Schlachtreife.

Die Trennung der Bereiche hat ihren Grund in den unterschiedlichen Ansprüchen der Tiere in den jeweiligen Produktionszweigen. So unterscheiden sich nicht nur Haltungsform, Stallklima sowie Menge und Zusammensetzung des Futters, sondern auch die Erfordernisse an den Arbeits- und Betreuungsaufwand. Dieser ist insbesondere in der Zucht und der Ferkelerzeugung sehr hoch.

Zuchtziele: Vitalität und Qualität

In Deutschland werden in den Zuchtbetrieben überwiegend fleischreiche Schweinerassen mit magerem Fleisch gezüchtet. Grundsätzliche Zuchtziele, die in einer Rasse kombiniert werden sollen sind: Große Fleischfülle, besonders in der Kotelett- und Schinkenausprägung, gepaart mit guter Fleischqualität sowie ausreichender Vitalität und damit Stressresistenz.

Durch die gezielte Kreuzung werden die positiven Eigenschaften der verschiedenen Rassen in den Kreuzungsnachkommen kombiniert. Die Ergebnisse liefern dabei das Optimum hinischtlich der Wünsche der Verbraucher an die Qualität des Fleisches und die Anforderungen der Ferkelerzeuger und Mäster an Fruchtbarkeit, Gesundheit und Mastleistung der Tiere.

Ferkelerzeugung

Ferkelerzeugerbetriebe sind Betriebe, in denen Mutterschweine zur Erzeugung von Ferkeln gehalten werden. Der eigentliche Produktionsprozess beginnt mit der Geschlechts- und Zuchtreife der Sau. Die optimale Zuchtreife ist dann erreicht, wenn die Jungsau mindestens zweimal gerauscht hat, etwa 220 Tage alt ist und 130 Kilogramm wiegt. Rausche bezeichnet die Empfängnisbereitschaft beim Schwein.

Künstliche Besamung als Standard

Die Sauen werden heutig überwiegend besamt – aus hygienischen Gründen, aber auch um der Verbreitung von Krankheiten über die Eber vorzubeugen. Kommt es drei Wochen nach der Besamung nicht zu einer neuen Brunst, ist die Sau trächtig. Dies kann durch Ultraschallgeräte, Blutprobe mit einem Östrogentest oder einer neueren Technik, dem Scannen, festgestellt werden. Die Trächtigkeit dauert etwa 114 Tage, wobei ein Richtwert die „3 Monate, 3 Wochen, 3 Tage“-Regel sein kann.

Die Haltung tragender Sauen

Eine richtige Haltung ist wichtig für das Wohlbefinden der Sau und damit ihrer Aufzuchtleistung. Die Gestaltung der Schweinehaltung orientiert sich an den Vorgaben der Schweinehaltungsverordnung. So dürfen tragende Sauen laut dieser Verordnung seit dem Jahr 2006 nur noch in Gruppen gehalten werden.

Fressen, Ruhen, Bewegen

Bei der Gruppenhaltung mit Fress-Liege-Buchten ist der Fressbereich vom Bewegungsraum getrennt. Im Fressbereich hat jede Sau eine eigene Box mit Futtertrog. Dieser Bereich dient auch als Ruhezone. Während der Fresszeit werden die Sauen in diesem Bereich arretiert, um ein ungestörtes Fressen zu ermöglichen. Zudem besteht dadurch die Möglichkeit, jeder Sau ihre individuelle Futterration zukommen zu lassen. Bei der sogenannten „Abruffütterung“ trägt die Sau einen Chip, dem jeweils eine bestimmte Futtermenge am Tag zugeordnet wird, d.h. eine größere Gruppe von Sauen teilt sich einen Futterstand, den die Tiere jeweils einzeln betreten und ihre individuelle Ration abrufen können.

Durch diese modernen Haltungsformen ist gesichert, dass sich die Tiere außerhalb der Fresszeiten frei bewegen können. Daneben hängt das Wohlbefinden einer tragenden Sau auch von der Ausgestaltung der Liegefläche ab, die trocken und sauber sein müssen. Die Böden sind überwiegend teilperforiert, der Laufbereich mit Spaltenböden ausgestattet.

Haltung ferkelführender Sauen

Zum Abferkeln kommt die hochträchtige Sau in eine Abferkelbucht. Sauen und Ferkel wollen es sauber und behaglich haben. Die Liegefläche muss trocken sein und die Stallluft gut und zugfrei. Während im Abferkelstall Temperaturen von 18-21 Grad Celsius von der Sau als angenehm empfunden werden, werden im Ferkelnest zu Anfang mindestens 30 Grad Celsius angestrebt. Dieser Bereich ist daher mit Infrarotlampen oder einer Bodenheizung ausgestattet. Mit zunehmendem Ferkelgewicht kann die Temperatur auf 20-22 Grad Celsius zurückgeführt werden.

Moderne Technik erfüllt Bedürfnisse von Sau und Ferkel

Erst der Einsatz moderner Heizungs- und Lüftungstechnik ermöglicht es also, für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Ferkeln und Sauen die optimalen klimatischen Bedingungen zu realisieren. Gleiches gilt für die Aufstallung in diesem Bereich. Abferkelbuchten sind heute grundsätzlich dreigeteilt: In der Mitte befindet sich der Liegebereich für die Sau, angegliedert ist für die Ferkel ein „Aufenthaltsraum“ und ein schmaler „Fluchtbereich“.

Schutz der Ferkel als oberstes Gebot

Die Sau ist auf ihrem Liegebereich durch ein fest eingebautes oder hochklappbares Gestänge vom Rest der Bucht abgetrennt. Im Liegebereich erhält sie Futter und Wasser und kann dort ihren Kot und Harn absetzen. Den Ferkeln stehen zusätzlich die beiden angrenzenden Bereiche als Ausweichmöglichkeit zur Verfügung.

Im größeren Aufenthaltsbereich befinden sich das Ferkelnest, der Ferkelfuttertrog und eine eigene Tränke. Ein kleinerer Teil der Bucht dient als zusätzlicher „Fluchtbereich“, in den die Ferkel beim Hinlegen der Sau ausweichen können.

Auch strohlose Haltung ist tiergerecht

Die Abferkelbucht ist in moderneren Ställen strohlos. Der Buchtboden ist leicht geneigt, wodurch Harn und Kot zum hinteren Teil der Bucht abfließen. Neuere Buchtenbauten haben im hinteren Teil einen Spaltenboden. Der Buchtenboden muss trittsicher für Sau und Ferkel sein, um Verletzungen vorzubeugen. Das ist durch moderne Werkstoffe gewährleistet.

Prophylaxe am Ferkel

Unmittelbar nach der Geburt werden den Ferkeln mit Hilfe eines Schleifgerätes die Spitzen der Eckzähne abgeschliffen. Dies geschieht prophylaktisch, damit sich die Ferkel nicht gegenseitig verletzen und durch Wunden Eintrittsmöglichkeiten für Krankheitskeime entstehen, gleichzeitig verhindert diese Maßnahme Verletzungen am Gesäuge der Muttersau, die für diese sehr schmerzhaft sein können.

Im Bedarfsfall kann bei den Ferkeln auch das letzte Stück des Schwanzes kupiert werden – wenn ohne diese Maßnahme zu befürchten ist, dass sich die Tiere später gegenseitig in die Schwänze beißen, was zu argen Verletzungen führen kann und dann mit entsprechenden Schmerzen verbunden ist.

Im Vergleich zu diesem Risiko ist der harmlose Eingriff gerechtfertigt und vertretbar, denn das Kupieren geschieht auf schonende Weise mit Hilfe eine speziellen Gerätes, das die Wunde mittels Hitze sofort wieder verschließt.

Kastration noch ohne Alternative

In der ersten Lebenswoche erhalten die Ferkel eine Ohrmarke mit Hinweis auf den Herkunftsbetrieb. Männliche Tiere werden bis zum 7. Lebenstag kastriert, denn sie entwickeln mit der Geschlechtsreife hormonell bedingt den typischen „Ebergeruch“, der dem Fleisch anhaftet und speziell beim Erhitzen auffällig wird. Drei Viertel der Verbraucher nehmen diesen Geruch wahr und lehnen ihn ab – Fleisch mit Ebergeruch ist praktisch unverkäuflich. Aus diesem Grund werden männliche Ferkel seit jeher kastriert. Es handelt sich um einen chirurgischen Eingriff, bei dem der Samenstrang durchtrennt wird und beide Hoden entfernt werden – die Kastrationswunde verheilt im Verlauf weniger Tage.

Auch wenn die tatsächliche Schmerz- und Stressbelastung der Tiere ähnlich dem beim Einziehen der Ohrmarken ist – z.B. laufen die Ferkel sofort nach dem Eingriff wieder zum Gesäuge der Mutter und trinken unvermindert ihre Milch – so sucht die Branche doch nach praktikablen Alternativen zur Frühkastration.

Wissenschaftler, Tierärzte und Landwirte arbeiten zusammen mit der EMA (European Meat Alliance) mit Hochdruck an neuen Methoden der schonenden Kastration bzw. der Vermeidung des Ebergeruchs im Fleisch. Bis eine bessere Lösung gefunden ist, schreiben die meisten Erzeuger- und Qualitätssyssteme inzwischen den verpflichtenden Einsatz von schmerzstillenden Mitteln bei der Ferkelkastration vor.

Ferkelhaltung bis zum Mastbeginn

Nach drei bis vier Wochen werden die Ferkel von der Mutter „abgesetzt“, in Gruppen zusammengestellt und in Ferkel-Kleinbuchten (Flat-Decks) oder Ferkel-Großbuchten umgesetzt. Da das Abwehrsystem der Ferkel sich noch entwickeln muss, wird auch hier auf ein hohes Hygiene-Niveau geachtet. Der Liegeplatz muss keimarm, trocken und warm sein, weshalb die meisten Ferkelbuchten heute mit perforierten Kunststoffböden ausgelegt sind.

Der Ferkelstall verfügt zudem über eine gut zu regulierende Heizlüftung, die in mehrere Einheiten unterteilt werden kann, da die Ferkel ein ihr Alter entsprechendes Stallklima benötigen. Beim Absetzen muss die Stalltemperatur zwischen 30-35 Grad Celsius liegen, mit zunehmendem Alter wird diese auf 20 Grad Celsius herabgesetzt.

Fütterung von Sauen und Ferkeln _DSC5663_eichenhof

Schweine sind Allesfresser, die ein vollwertiges und energiereiches Futter benötigen. Ausschlaggebend für ein gutes Fütterungsmanagement ist, dass die tägliche Futterration der jeweiligen Phase, sei es die Phase der Trächtigkeit, der Ferkelaufzucht oder der Mast, genau dem gerade anstehendem Bedarf an Rohfaser, Energie, Spurenelementen und Vitaminen angepasst ist. Darüber hinaus ist eine ausreichende Wasserversorgung der Tiere über Selbst-, Trog- oder Nippeltränken jederzeit sichergestellt.

Schweinehaltung in Mastbetrieben

Die Schweinemast erfolgt in Deutschland meist in spezialisierten Mastbetrieben. Moderne Mastställe bieten dabei optimale Haltungsbedingungen für die Tiere. Die Stallbelüftung, die Wärmedämmung sowie die Größe und die Isolierung der Liegeplätze haben einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Tiere und damit auf das Mastergebnis.

Die Tiere werden in Deutschland zumeist in Gruppen von 20-40 Tieren gehalten. Die Besatzdichte (Tiere je Flächeneinheit) ist in der Schweinehaltungsverordnung geregelt. Die Ställe müssen gut belüftet werden und die Ammoniak- sowie Stickstoffkonzentrationen sind gering zu halten. Die Stalltemperatur sollte nicht unter 16 Grad Celsius sinken und die relative Luftfeuchtigkeit um die 70 Prozent betragen.

Rein-Raus-Verfahren

Viele Betriebe verfahren nach dem Rein-Raus-Verfahren. Dabei bleibt die Schweinegruppe über die gesamte Mastphase in ein und derselben Bucht. Die Schweine haben zu Beginn der Mast viel Platz, was ihnen das Eingewöhnen erleichtert. In manchen Betrieben werden die Gruppen jedoch auch in einer zweiten Phase der Mast geteilt, damit ihnen ausreichend Platz zur Verfügung steht. Das Rein-Raus-Verfahren gewährleistet auch, dass die Ställe nach jedem Mastdurchgang gründlich gereinigt und desinfiziert werden können, bevor die nächste Gruppe eingestallt wird.

Aufstallungsformen

Bei der Schweinemast kommen verschiedene Haltungsformen zum Einsatz. Mit zunehmenden Tierbeständen geht die Entwicklung in Richtung der Vollspaltenböden. Sie lösen das Entmistungsproblem mit dem niedrigsten Arbeitsaufwand, erfordert aber einen hohen Kapitaleinsatz. Die Anzahl der Betriebe, welche die Mast auf Teilspaltenböden durchführen, ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Vor allem Betriebe mit kleinere Tierbeständen haben noch Haltungsformen mit Einstreu.

Bei der Mast auf Vollspaltenboden ist auch der Standbereich vor dem Futtertrog mit Spalten ausgestattet. Die Schlitzweite der Spalten ist dort geringer. Diese Flächen sind dadurch etwas wärmer und werden deshalb auch gerne als Liegefläche genutzt.

“Spielzeug” und Beschäftigungsmöglichkeiten

Schweine sind von natur aus neugierig und nehmen Gegenstände zum Spielen gerne an. Dafür eignet sich Heu, Stroh und Baumrinde, aber auch Spielzeuge wie herabhängende Ketten oder formbare Bälle werden von den Schweinen gerne genutzt. Durch die verschiedenen Beschäftigungsmöglichkeiten werden Verhaltensstörungen der Tiere abgewendet.

Angepasste Fütterung

Gute Qualitäten und damit ausreichende Erlöse erzielen die Mäster nur, wenn bei optimalen Haltungsbedingungen und optimierter Fütterung. Da bei der Mast vor allem Eiweiß gebildet werden soll – und weniger Fett – sind die Anforderungen an die Qualität und die Inhaltsstoffe des Futters hoch, das Nährstoffangebot muss in den unterschiedlichen Mastphasen immer wieder neu angepasst werden.