05.12.2019

Rindfleisch und Wasserverbrauch

Annie Spratt 61214

Wer seinen (Fleisch-)Konsum kritisch hinterfragen will, sollte es konsequent machen und öfter hinter die Schlagzeilen schauen.

Wie viel Wasser wird tatsächlich zur Produktion von einem Kilo Rindfleisch verbraucht? Google scheint die Antwort zu kennen: 15.000 Liter. Doch ist das korrekt? Oder handelt es sich um missverstandene bzw. falschinterpretierte Daten? 


Was sagt die Wissenschaft dazu?
Tatsache ist, dass mehr als 90% des vom Vieh verbrauchten Wassers aus den natürlichen Niederschlägen kommen. Das ergibt aber ein völlig anders Bild: Nach dieser Berechnung braucht man nur etwa 50 l Frischwasser, um 1 kg Rindfleisch zu produzieren. Wie kommt aber diese Zahl genau zustande und wie konnte sich eine Zahl in der öffentlichen Meinung durchsetzen, so weit von der Realität entfernt ist?

 

Water Footprint- Konzept falsch interpretiert

2001 wurde von der UNESCO ein Institut für Wasser-Ausbildung (UNESCO-IHE Institute for Water Education) mit dem Sitz im niederländischen Delft gegründet, mit dem Ziel weltweit Bildung zu allen Themenkomplexen rund um Wasser und Wasserversorgung zu organisieren. An diesem Institut wurde 2002 auch der Begriff Wasser-Fußabdruck geprägt, um die Spur zu veranschaulichen, die ein Mensch mit der Produktion industrieller Güter und landwirtschaftlicher Produkte sowie beim persönlichen Gebrauch im Haushalt hinterlässt. Damals hat man versucht, verschiedene Indikatoren für die Nachhaltigkeit der Produktion einzuführen, und so hat Niederländer Arjen Hoekstra eine Messgröße für die Menge an verbrauchtem und verschmutztem Süßwasser entwickelt, die zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen entlang der gesamten Lieferkette benötigt wird.

Doch der Water Footprint berücksichtig nicht nur die direkte Wassernutzung eines Verbrauchers oder Erzeugers, sondern auch den indirekten Wasserverbrauch und umfasst drei verschiedene Arten von Wasserquellen: das blaue Wasser (Oberflächen- oder Grundwasserverbrauch der Tiere und Bewässerung), das graue Wasser (Wasser, mit dem die Abwässer gereinigt und recycelt werden) und das grüne Wasser (Niederschlag).

 


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Beim durchschnittlichen Wasserverbrauch von Nutztieren handelt es sich zu über 90% um grünes Wasser (Niederschlag), das im Boden aufgefangen und von den Pflanzen verdampft wird und in den Wasserkreislauf zurückgeführt wird. Dies würde mit oder ohne Nutztiere geschehen. Wenn grünes Wasser aus der Berechnung herausgenommen wird, sind nach Ansicht der Wissenschaft 550-700 l erforderlich, um 1 kg Rindfleisch (einschließlich graues und blaues Wasser) zu produzieren. Doch die französische nationale Forschungsagentur INRA geht noch weiter: 1 kg Rindfleisch würde tatsächlich nur etwa 50 l echtes Wasser (blaues Wasser) aus dem Kreislauf entfernen, wie die nachstehende Grafik zeigt.


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© INRA

Damit zählt nur noch das blaue Wasser, das für das Tränken von Tieren, Bewässerung der Felder zur Futterhestellung sowie das Wasser zum Reinigen der Tiere und Ställe verbraucht wird, so INRA.

Mit dem gleichen Ansatz kann geschätzt werden, dass Schweinefleisch 450 l, Hühnerfleisch 300 l, Eier 244 l und Milch 86 l benötigt, wie in der Tabelle angegeben.


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Somit handelte es sich um eine Fehlinterpretation, bzw. eine falsche Darstellung von wissenschaftlichen Daten, die sich dann als eine wissenschaftliche Tatsache etabliert hat.
Und so heißt es im Fazit der wissenschaftlichen Veröffentlichung von Animal Frontiers* dazu diplomatisch:
Instrumente wie der Wasserfußabdruck (…) sind verfügbar, ihre Interpretation durch die politischen Entscheidungsträger muss jedoch verfeinert werden".
*Animal Frontiers, Volume 2, Issue 2, April 2012, Pages 9–16 

Doch neben theoretischen Berechnungen ist die lokale Verfügbarkeit von Wasser wirklich entscheidend. Laut Umweltbundesamtsei ein hoher Wasserfußabdruck in wasserreichen Regionen weniger problematisch als in wasserarmen Regionen oder Wüstengebieten. Ein Lebensmittel, das vorrangig mit Regenwasser in einer regenreichen Region (wie Deutschland) angebaut/produziert wurde, hat in der Regel keine negativen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt.
https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/wasser-bewirtschaften/wasserfussabdruck#textpart-3

Natürlich gibt es auch weitere Mythen dieser Art rund um die Fleischproduktion. Dagegen will eine EU-Webseite https://meatthefacts.eu/ mit Fakte und wissenschaftlichen Daten halten. Reinschauen lohnt sich!


Weitere Quellen:
- www.theguardian.com/news/datablog/2013/jan/10/how-much-water-food-production-waste
- M.M Mekonnen et A.Y. Hoekstra, The green, blue and grey water footprint of farm animals and animal products, Value of Water Research Report Series no 48, UNESCO-IHE
- waterfootprint.org/en/about-us/aims-history
- Water footprint assessment manual
waterfootprint.org/en/about-us/aims-history
- academic.oup.com/af/article/2/2/9/4638620